Rodin Rilke.
von Bruce Krebs

Aus dem Französischen
von Klaus Grube


Theaterstück in 5 Akten gefolgt von einem Epilog

übersetzung

SACD-Eintrag Nr. 162 104

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Der Synopsis des
Theaterstück


1. Akt, 1. Szene.

Der Vorhang öffnet sich und man blickt auf Rodins Atelier.
Dieses ist voll von weißen Skulptur-Entwürfen und Arbeitsgerät wie Flaschenzügen, Winden, einer Schubkarre usw. Hier wird gearbeitet.
Das Atelier ist leicht eingeschnitten, so dass man die Ankunft der Schauspieler durch eine zum Garten führende Glastür wahrnehmen kann. Zum Hof hin entdeckt man zwei weitere Ebenen; die eine führt zwei oder drei Stufen hinab zum in den Kulissen liegenden Schmelzofen Richtung Hof, die andere darüber liegende ist als Zwischengeschoß ausgebildet und stellt Rodins Büro dar. (Rodin empfängt seine Kunden im Atelier, nicht in seinem Büro).


Antoine Bourdelle, Charles Despiau und Pompon, der älteste der drei Gehilfen Rodins. Einer legt Holzscheite in den Ofen, ein anderer räumt das Werkzeug zusammen, der dritte reinigt eine Wanne. Es ist Morgen.


        Charles Despiau :
- Gestern Abend habe ich mich verleiten lassen, in eine öffentliche Vorstellung des Kinematographen auf den Grands Boulevards zu gehen... So viele Leute waren da, kaum zu glauben! Und ein Gedrängel war da drin, furchtbar!..

        Antoine Bourdelle :
- Du musst immer Deine Nase in alles reinstecken, Du...

        Charles Despiau :
- ...und um was zu sehen, frage ich Euch! (Er gestikuliert) Leute, die auf einer ausgespannten Leinwand in alle Richtungen mit den Beinen zappeln! Wo bleibt da die Kunst! Großer Gott, so ein Affentheater!

        Antoine Bourdelle :
- Das ist ´was Neues, sagt man.

        Charles Despiau :
- Eine traurige Neuigkeit, jawohl! Leute, die sich nach rechts und links bewegen, die gestikulieren, und Du sitzt auf Deiner Bank, Dir tut der Hintern weh, es ist eng, Du lachst und machst Dich über sie lustig und zappelst hin und her wie die da auf der Leinwand... Und jeden Abend zieht diese Sache da das Volk an! Fast genau so viele wie während der ersten Tage der Ausstellung...

        Pompon :
- Ich träume von soviel Begeisterung für unsere Statue...

        Charles Despiau :
- Ja träum' nur! Das ist eine Illusion, das was wir machen, das ist zu... zu unbeweglich! Da liegt das Problem: Die Skulptur. (er wechselt die Stimmlage) "das hat etwas zu Unbewegliches".

        Pompon :
- Man müsste dem Meister das beibiegen!

        Charles Despiau (indem er die Situation mit übertriebener Schüchternheit spielt):
- Mein verehrter Meister... glauben Sie nicht, dass... wie soll ich es sagen... Ihre... Sachen da... sind ein bisschen zu... wie soll man sagen... zuviel Marmor!

        Antoine Bourdelle ((auch er schauspielert):
- Aber mein guter... wenn meine Sachen... wie Sie sagen, sich ständig bewegten... wann könnte ich ihnen dann den Nacken kraulen?

        Charles Despiau (mit wieder normaler Stimme und indem er eine imaginäre Leinwand mit der Hand streichelt):
- Es stimmt, dass in punkto Form... die Leinwand ein bisschen... flach ist.

        Pompon :
- Der Kinematograph zieht die Leute an, weil das ´was Neues ist, aber diese Mode wird vorbeigehen. Die Bildhauerei, sie wird die Jahrhunderte überdauern und die flüchtigen Moden. Sie ist die höhere Kunst, eine ewige Kunst.

        Charles Despiau :
- Ewig, da bin ich mir nicht so sicher...

Charles Despiau will einige Papierrollen von einem Regal herunterholen, dabei fällt eine kleine Gipsfigur zu Boden.

        Charles Despiau (hebt das Stück auf, ein Bein ist abgebrochen):
- ...So ein Pech! Die kleine Nymphe!

        Pompon :
- Nun mach' Dir ´mal keine Sorgen, der Meister liebt solche Unfälle, er liebt die Materie, die rebelliert...

        Antoine Bourdelle :
- Nichts ist stimulierender als ein Stück, das sein eigenes Leben leben will.

        Charles Despiau :
- Lasst uns wetten, dass die da Karriere machen wird! Ah, ich träume auch davon... umgeben von einem Schwarm Gipsnymphen zu leben und früh am Morgen zu sehen, was sie erfunden haben um mich in Verwunderung zu versetzen. (wieder sachlich werdend) Aber vorher muss ich zuerst meine Lehrzeit zu Ende bringen...

        Pompon :
- Es liegt an Dir zu entscheiden, ob Deine Lehrzeit beendet ist oder nicht.

        Antoine Bourdelle : (er zögert, dann bekennt er)
- Genau... meine Freunde... mit meiner Frau... wir haben uns entschieden... Ich werde mich selbständig machen. Ich muss den Meister verlassen, der Augenblick ist gekommen um den Schritt zu wagen und mich ins Abenteuer zu stürzen... und alles auf eine Karte zu setzen.

        Charles Despiau :
- Du willst Dich selbständig machen! Antoine, Du verlässt uns!

        Antoine Bourdelle :
- Nun ja, wenn es eines Tages geschehen soll, warum nicht jetzt!... Auch Du, Charles, wirst eines Tages mit eigenen Flügeln fliegen!... (Despiau zuckt mit den Schultern)

        Pompon :
- Und wie denkt der Meister darüber?

        Antoine Bourdelle :
- ...Nun, das ist es ja gerade, ich weiß nicht genau, wie ich es ihm beibringen soll...

        Pompon :
- Das wird ihm wehtun... wie lange bist Du schon sein Gehilfe?

        Antoine Bourdelle (mit einer Geste, die "lange" bedeutet) :
- Oh!...

        Charles Despiau (zu Pompon):
- Das ist egal, Pompon, wenn Du gehen musst, dann gehst Du. So ist das Leben. Mach' Dir nichts draus, auch er hat eines Tages seinen Lehrmeister verlassen, so muss man seine Entscheidung treffen: auf einen Schlag! Wenn die Kunst es befiehlt, musst Du gehorchen...

        Antoine Bourdelle :
- "...wenn die Kunst es befiehlt..." Langsam Charles, ich glaube nicht, dass die Kunst sich woanders besser artikulieren kann als gerade hier!... Aber wenn ich beim Meister bleibe, werde ich nie wissen, ob ich vollkommen selbständig ein Bildhauer sein kann, ganz plötzlich ein Bildhauer.

        Charles Despiau :
- Dann hau sofort ab!

        Antoine Bourdelle :
- Niemals! Das kann ich ihm unmöglich antun!...

        Charles Despiau :
- Schluss jetzt, dahinten kommt die Chefin!...

Jeder nimmt seine Arbeit wieder auf als ob er sich schuldig fühlte, die Zeit mit seinem Geschwätz verschwendet zu haben.


 
1. Akt, 2. Szene



Dieselben Personen sowie Rose Beuret
Sie hält einen kleinen Zerstäuber aus Blech in der Hand und geht zu allen Tonmodellen, jedes von ihnen ist mit einem Tuch abgedeckt.
Sie hebt das Tuch hoch und besprüht systematisch alle Modelle mit drei kleinen Spritzern.

        Rose :
- Guten Morgen, Kinder!

        Die anderen:
- Guten Morgen, Madame Rose...

        Rose (während sie ihrer Aufgabe weiter nachgeht) zu Bourdelle:
- Ah Monsieur Bourdelle, ich glaube heute werden wir schönes Wetter haben. Heute Morgen habe ich gesehen, dass die Mauersegler sehr hoch am Himmel flogen, das ist ein Zeichen für gutes Wetter.

Während Rose mit Bourdelle spricht, bedeckt Despiau seinen Kopf mit einem Tuch und stützt sich mit dem Ellbogen auf eine der Säulen. Rose, die systematisch die Tonmodelle unter den Tüchern benetzt, besprüht ohne achtzugeben auch Charles Despiaus Gesicht; dieser prustet vor Lachen. Rose stößt einen kleinen Schrei aus und weicht zurück.

        Rose :
- Oh mein Gott, wie haben Sie mich erschreckt, Monsieur Charles! (sie setzt sich und holt Atem)... Außerdem habe ich oft diesen Alptraum : die Tonmodelle reagieren wie Sie, oder sie trocknen und bekommen Sprünge, oder Stücke vom Gesicht zerbrechen auf der Erde, die Augen rollen über den Boden und greifen mich an !

        Bourdelle :
- Oh ! Madame Rose !

        Rose :
- Wie ich es Ihnen sage!... (sie wiederholt) Sie greifen mich an. (sie macht eine Geste der Einkreisung) Ich hab' auch noch andere Alpträume, auch mein Körper bekommt Sprünge und ich zerbrösele zu Krümeln, die Rodin dann achtlos zusammenfegt... Nur eine Büste verändert sich nicht: das ist die von Mademoiselle Camille, die gefällt mir überhaupt nicht, die könnte ich tausendmal besprühen, niemals würde die sich wieder zu Lehm zurück verwandeln !

        Tous :
- Oh ! Madame Rose !

        Rose :
- Oh ja, ich weiß sehr gut, dass die da seit sie aus der Werkstatt gekommen ist, heilig ist, aber was soll man machen, jedes Mal wenn ich ihr Gesicht besprühe habe ich den Eindruck, dass sie sich über mich lustig macht ! Schauen Sie selbst!

Rose hebt ein Tuch hoch, (die Zuschauer können die Skulptur nicht sehen) Die Gehilfen treten näher.

        Rose :
- Sehen Sie mal diesen Blick!...

        Despiau :
- Man muss es ihm lassen: keiner kann so gut wie der Meister die wahre Natur eines Gesichts wiedergeben!

        Rose :
- Wahre Natur?... Eher eine Lüge! Außerdem ein schöner Betrug!

        Bourdelle :
- Nun hören Sie mal, Madame Rose!

        Rose :
- Das wissen Sie doch nur zu gut, hören Sie mal!...

Jeder nimmt seine Tätigkeit wieder auf. Rose hebt wieder die Tücher hoch, sieht sich um ob jemand sie beobachtet und hantiert weiter mit ihrem Zerstäuber... Dann beendet sie ihre Runde und verlässt die Bühne durch die unter dem Zwischengeschoss liegende Tür...

        Bourdelle :
- Arme Rose, der Meister bringt sie ganz durcheinander. Bald ist es schon vier Jahre her, seit Camille das Atelier verlassen hat.

        Despiau :
- Der Meister bewundert immer noch ihr Können...

        Pompon :
- Manchmal schickt er mich um ihr in ihrem Atelier zu helfen... Sicherlich hat sie Talent, aber... sie hat vor allem einen miesen Charakter...

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Bruce Krebs,
9 ter rue Amelot, 17 000 La Rochelle,
Charente Maritime, Poitou-Charentes, Frankreich, Europa.
Um mir eine E-Mail zu senden:atelier.bruce.krebs@wanadoo.fr
...aber ich ziehe es vor, eine "Papierpost zu erhalten"